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1917 |

Grundsätze vs. Patriotismus

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Im Ersten Weltkrieg herrscht Rohstoffmangel. Das Rote Kreuz sammelt ausgekämmtes Frauenhaar zur Herstellung von Treibriemen.

Am 1. August 1914 ruft Kaiser Wilhelm II. zu den Waffen. Doch die selbstbewussten Sätze „Zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, „Auf einen Kaffee nach Paris“ entpuppen sich bald als Mär. Der angestrebte rasche Bewegungskrieg erstarrt in einem frustrierenden Stellungskrieg und die britische Seeblockade führt zu einem verheerenden Rohstoffmangel. Deshalb werden während des Ersten Weltkrieges viele Produkte aus Ersatzstoffen hergestellt. Aus Kartoffelmehl wird Brot gebacken, der Kaffee wird mit Kleie gekocht und Kleidung wird aus Brennnesseln oder Papierfasern angefertigt. Im wahrsten Sinne des Wortes wird jede Faser verwertet und so wird plötzlich auch Frauenhaar unschätzbar wertvoll. Es ersetzt jetzt das nicht mehr lieferbare Kamelhaar, aus dem früher Treibriemen, Filzplatten und -dichtungen hergestellt wurden. Weil diese dringender als je zuvor für U-Boote gebraucht werden, ruft das Rote Kreuz mit Plakaten „Ausgekämmtes Frauenhaar – ein wichtiger Kriegsrohstoff!“ zur Spende auf. Der Grundsatz der Neutralität wird dem Patriotismus geopfert.

Die gesammelten Haare werden in speziell angefertigten Säckchen an die „Deutsche Frauenhaarsammlung“ des Roten Kreuzes nach Magdeburg oder Augsburg geschickt und von dort aus an die entsprechenden Firmen weitergeleitet. Im Laufe der Zeit kommen hunderttausende Kilo zusammen. Besonders fleißig sammeln auch die Schulmädchen mit, sie entwickelten sogar einen besonders patriotischen Sammeleifer. Um zu verhindern, dass sie ihre Haare extra fürs Vaterland abschneiden, nimmt das Rote Kreuz lediglich ihre ausgebürsteten Haare an.